Schweizerische Interessengemeinschaft Histamin-Intoleranz (SIGHI)
Die Informationsdrehscheibe zum Thema Histamin-Unverträglichkeit (Histaminose), für Betroffene und Fachpersonen

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Chemische Eigenschaften von Histamin

Histamin (zusammengesetzt aus dem griechischen "histos" = Gewebe und "amin" = stickstoffhaltige Verbindung) ist ein Naturstoff, der im tierischen Organismus wichtige regulatorische und mediatorische Funktionen erfüllt und auch in Bakterien und im Pflanzenreich weit verbreitet ist. Biochemisch gehört Histamin zur Gruppe der biogenen Amine. In reiner Form handelt es sich um einen weissen Feststoff mit einer molaren Masse von 111.15 g/mol. Histamin ist leicht löslich in Wasser und Ethanol, jedoch unlöslich in Diethylether, was auch auf eine schlechte Fettlöslichkeit schliessen lässt.
Summenformel: C5H9N3              Strukturformel: Strukturformel Histamin
Synonyme: 2-(4-Imidazolyl)-ethylamin
Englisch: histamine
CAS-Nummer: 51-45-6

Funktionen von Histamin

Histamin erfüllt im menschlichen Organismus zahlreiche Funktionen als Gewebshormon, Neurotransmitter und Botenstoff (biochemische Signalübertragung), die erst sehr unvollständig erforscht sind. Auf molekularer Ebene vermittelt Histamin seine Funktionen über eine Aktivierung der Histamin-Rezeptoren H1, H2, H3 und H4, die zur Familie der G-Protein-gekoppelten Rezeptoren gehören. Histamin entfaltet demnach seine Wirkung, indem es nach dem Schlüssel-Schloss-Prinzip an seine Zielrezeptoren andockt und damit intrazelluläre Signalkaskaden (Signalübertragungsketten) moduliert.

Eine Aktivierung von H1-Rezeptoren ist hauptverantwortlich für die beobachteten allergieartigen Wirkungen des Histamins. Dazu zählen Juckreiz und Schmerz, Kontraktion der glatten Muskulatur in Bronchien und grossen Blutgefässen (Durchmesser von mehr als 80 µm) sowie Erweiterung kleinerer Blutgefässe verbunden mit Nesselsucht und Hautrötung. Im Zentralnervensystem ist Histamin über eine Aktivierung von H1-Rezeptoren an der Auslösung des Erbrechens sowie der Regulation des Schlaf-Wach-Rhythmus beteiligt. H1-Rezeptoren sind auch an der Regulation der Ausschüttung von Hormonen, wie z. B. Adrenalin, beteiligt. Histamin ist Mediatorsubstanz bei Entzündungen und Verbrennungen und induziert zudem die vermehrte Freisetzung weiterer Entzündungsmediatoren. Ebenso scheint es an der Regulation der Körpertemperatur, der zentralen Kontrolle des Blutdrucks und der Schmerzempfindung beteiligt zu sein. [Wikipedia: Histamin]

H2-Rezeptoren sind an der Regulation der Magensäureproduktion und der Transportbewegungen des Darms (Motilität, Peristaltik) beteiligt. Die Steigerung der Magensäureproduktion kann dabei als ein Bestandteil einer Histamin-vermittelten Abwehrreaktion interpretiert werden. Ein beschleunigter Weitertransport des Darminhaltes führt zu Durchfall und kann ebenfalls als Abwehreaktion gesehen werden. Eine Stimulation von H2-Rezeptoren führt darüber hinaus zu einer Beschleunigung des Herzschlags, zu einer Steigerung der Schlagkraft des Herzens und zu einer Erweiterung kleiner Blutgefässe.

Im menschlichen Körper ist der H3-Rezeptor insbesondere präsynaptisch auf Nervenzellen des Zentralnervensystems und des peripheren Nervensystems zu finden. Als Autorezeptoren sind sie an einer Drosselung der weiteren Histamin-Ausschüttung durch negative Rückkopplung beteiligt. Über präsynaptische Rezeptoren (insbesondere H3-Rezeptoren) besitzt Histamin durch Hemmung der Neurotransmitterfreisetzung im Zentralnervensystem und im peripheren Nervensystem einen regulatorischen Einfluss auf noradrenerge, serotoninerge, cholinerge, dopaminerge und glutaminerge Neuronen, d.h. es hemmt als Heterorezeptor die Freisetzung der Neurotransmitter Acetylcholin, Noradrenalin und Serotonin. Histamin beeinflusst somit indirekt die Effekte dieser Neurotransmitter. Über diese Mechanismen sind H3-Rezeptoren an der zentralen Regulation des Hunger- und Durstgefühls, des Tag-Nacht-Rhythmus, der Körpertemperatur und des Blutdrucks beteiligt. Darüber hinaus soll dieser Rezeptor direkt oder indirekt bei der Pathophysiologie neurologischer Schmerzen, der Schizophrenie, der Parkinson-Krankheit und dem ADHS eine Rolle spielen.

H4-Rezeptoren sind an der zielgerichteten Wanderung von Immunzellen, wie eosinophile Granulozyten, T-Lymphozyten und Monozyten, hin zu Quellen von Histamin beteiligt. Daher wird eine wichtige Rolle dieses Rezeptors bei der Rekrutierung von Leukozyten während einer Immunreaktion, insbesondere bei allergischen Reaktionen, angenommen.

Protein-Monoaminylierung steuert zellbiologische Prozesse
Anders als lange angenommen wirken wasserlösliche Hormone wie Serotonin, Histamin und Catecholamine nicht ausschliesslich über Rezeptoren auf der Zelloberfläche, sondern auch durch Monoaminylierung innerhalb von Zellen. Ähnlich wie die Protein-Phosphorylierung hat die Protein-Monoaminylierung tiefgreifende Auswirkungen auf vielfältige zellbiologische Prozesse, die noch genauer Aufklärung bedürfen [Walther 2007, Scinexx 2009]. Mit Antihistaminika - welche ohnehin meist nur für einen einzigen Rezeptortypen spezifisch sind - lassen sich derartige zellbiologische Veränderungen nicht verhindern.

Schema: aktive Aufnahme von Histamin in die Zelle durch Monoamin-Transporter

Histamin und andere wasserlösliche Monoamine können die Zellmembran nicht durch Diffusion überwinden. Einen beträchtlichen Teil ihrer Wirkung entfalten sie bekanntlich über zahlreiche, membranständige Monoamin-Rezeptoren (Histaminrezeptoren). Spezifische Monoamin-Transporter reichern Histamin und andere Hormone allerdings auch im Cytoplasma an, wo die Monoamine durch Transglutaminase (TGase)-vermittelte Protein-Monoaminylierung Signalproteine konstitutiv aktivieren. Dadurch kommt es zu länger anhaltenden Hormonwirkungen, wie es von Thrombozyten und Blutgefäss-Muskelzellen bekannt ist. [Walther 2007]

Biosynthese von Histamin

Histamin wird durch Decarboxylierung aus der Aminosäure Histidin gebildet. Das dazu befähigte Enzym heisst dem entsprechend Histidin-Decarboxylase.
Reaktion: Histidin --(Histidin-Decarboxylase)--> Histamin
Die Fähigkeit zur Histaminbiosynthese ist im Tierreich, im Pflanzenreich und bei Mikroorganismen (Bakterien, Hefen) weit verbreitet.

Vorkommen von Histamin

Endogenes (=körpereigenes) Histamin

Speicherung

Histamin wird als körpereigener Stoff vom Organismus selbst gebildet und in Blut- und Gewebezellen gespeichert. Die Speicherung erfolgt an Heparin gebunden in sogenannten Vesikeln. Das sind kleine, durch eine Membran abgegrenzte Organellen im Innern der Zellen. In diesen Bläschen eingeschlossen und immobilisiert kann Histamin keinen Schaden anrichten, steht aber bei Bedarf zur sofortigen Freisetzung bereit. Histamin wird insbesondere in folgenden Zelltypen synthetisiert und gespeichert:

Die basophilen Granulozyten sind Blutzellen. Mastzellen findet man im Gewebe, vor allem in Epidermiszellen der Haut, in histaminspeichernden Zellen der Schleimhäute, der Bronchien, des Magen-Darm-Trakts (z.B. Magenschleimhaut) und im Gehirn. Die höchste Histaminkonzentration kann dabei im Hypothalamus gefunden werden [Jarisch 2004, Hough 1999, Wikipedia: Histamin].

Freisetzung

Aus den Vesikeln wird Histamin bei IgE-vermittelten allergischen Reaktionen vom "Soforttyp" (Typ I) oder durch Komplementfaktoren (z.B. bei einem Endotoxin-bedingten Schock) freigesetzt. Neben Gewebshormonen können auch Arzneistoffe, wie beispielsweise Opiate, Muskelrelaxantien sowie Plasmaexpander und Röntgenkontrastmittel, eine Freisetzung von Histamin hervorrufen (siehe Liste unverträglicher Medikamente). Ein weiterer wichtiger Speicherort von Histamin sind die ECL-Zellen der Magenschleimhaut, aus denen Histamin durch Hormone und Gewebshormone, wie z.B. Gastrin, Acetylcholin und PACAP (pituitary adenylate cyclase activating polypeptide) freigesetzt werden kann.
Eine Freisetzung von Histamin in den synaptischen Spalt histaminerger Neuronen wird durch Acetylcholin, Noradrenalin und Histamin selbst über präsynaptische Rezeptoren gehemmt.

Exogenes Histamin

Eher noch wichtiger als das körpereigene Histamin ist bei der Histamin-Intoleranz das exogene (=von aussen kommende) Histamin. Histamin ist ein in den meisten Nahrungsmitteln in unterschiedlichen Konzentrationen vorkommender Bestandteil. Es entsteht als Verderbnisprodukt speziell in fermentierten, gereiften oder lange gelagerten Produkten. Eine weitere, aber weniger wichtige Quelle exogenen Histamins ist die Darmflora. Unter den im Darm lebenden Mikroorganismen befinden sich auch viele Arten, die Histamin bilden können.
Dieses über die Nahrung aufgenommene oder im Darm entstandene Histamin darf nicht in den Körper gelangen, da sonst durch einen zu hohen Histaminspiegel (Vergiftung mit Histamin) die körpereigenen Funktionen von Histamin gestört werden, was zu zahlreichen histaminvermittelten Symptomen führen würde. Beim gesunden Menschen gibt es deshalb zwei wirksame enzymatische Barrieren (siehe "Abbau von Histamin").

Histamin im Tier- und Pflanzenreich

Als kleiner Exkurs sei noch darauf hingewiesen, dass Histamin in einigen Pflanzen und Tieren auch als Abwehrsubstanz produziert und gespeichert wird. Beispielsweise speichert die Grosse Brennnessel in ihren Brennhaaren neben anderen Substanzen Histamin, das bei Berührung abgegeben wird. Die Heuschrecke Poekilocerus bufonius (Pyrgomorphidae) gibt bei Gefahr ein Sekret ab, das neben Cardenoliden ca. 1 % Histamin enthält. Histamin ist auch im Hautdrüsensekret der Südfrösche enthalten. Darüber hinaus können tierische und pflanzliche Abwehrstoffe wie beispielsweise das Mastzelldegranulierende Peptid (MCD-Peptid) des Bienengifts Histamin aus den Mastzellen höherer Tiere freisetzen und somit eine Entzündungsreaktion auslösen.

Abbau von Histamin

Histamin kann über vier Wege metabolisiert werden, wobei die beiden erstgenannten die Hauptabbauwege darstellen:

  1. Oxidative Deaminierung durch die Diaminoxidase (DAO).
    Reaktionsgleichung: Histamin + H2O + O2 => (Imidazol-4-yl)acetaldehyd + NH3 + H2O2
  2. Ringmethylierung durch die Histamin-N-Methyltransferase (HNMT).
    Das dabei entstehende Produkt ist N-Methylhistamin.
  3. Acetylierung zum Acetylhistamin.
    (Dieser Abbaupfad ist hauptsächlich beim mikrobiellen Abbau von Bedeutung)
  4. Hydroxylierung zur Hydantoinpropionsäure.
    (Vitamin C könnte ein Co-Faktor von Hydroxylierungsreaktionen sein, die Histamin in die Hydantoinpropionsäure überführen – analog dem Histidinabbau in Hydantoinpropionat. Vermutlich ist dieser Abbauweg mengenmässig von untergeordneter Bedeutung.)

Hauptabbauwege von Histamin
Die beiden Hauptabbauwege von Histamin [Bildquelle: Wikipedia].


Abbau von Histamin
Alle vier bekannten bzw. postulierten Abbauwege von Histamin [Bielenberg 2005].


Die DAO wird als sekretorisches Protein von den Zellen ausgeschieden und ist für den Abbau von Histamin ausserhalb der Zellen (extrazellulär) verantwortlich, wohingegen HNMT als zytosolisches Protein Histamin nur im Innern von Zellen (intrazellulär), beispielsweise in der Leber und im Gehirn, abbaut.

DAO wird vorwiegend in den Darmschleimhautzellen gebildet und ins Darmlumen ausgeschieden. Dort vermischt sich die DAO mit dem Nahrungsbrei und baut das darin befindliche Histamin weitgehend ab. Auf diese Weise bildet die DAO eine erste Barriere gegen das Eindringen von Histamin in den Körper.
Histamin, das trotzdem über die Darmschleimhaut in den Körper aufgenommen wird, gelangt in die Blutbahn und wird dort der Leber zugeführt. In der Leber, die allgemein das Entgiftungsorgan des Körpers ist, erfolgt dann der Abbau mittels HNMT.

Im Zellinnern aus Vesikeln freigesetztes körpereigenes Histamin wird intrazellulär durch die HNMT abgebaut.


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Quellenangaben

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Bielenberg 2005Bielenberg, Jens: "Korrelate einer schadstoffinduzierten Veränderung des Histaminstoffwechsels? Die Allergie-Hypothese". Österreichische Apotheker-Zeitung ÖAZ Aktuell (Ausgabe 15/2005), Hauptartikel 15/2005. Anschrift des Autors: Apotheker Jens Bielenberg, Raphael-Apotheke, D-25364 Westerhorn, Bahnhofstr. 53
http://www3.apoverlag.at/pdf/files/OAZ/OAZ-2005/OAZ-2005-15.pdf
http://www.zaen.org/download/artikel/2005_11_aefn_bielenberg.pdf
(Sehr interessanter Artikel über mögliche Ursachen von Allergien, Störfaktoren im Histaminstoffwechsel, Abbaumechanismen von Histamin, Ascorbate (Vitamin C), Umweltschadstoffe, Schilddrüsenerkrankungen, mit Kommentar von Prof. Jarisch)
Hough 1999Hough, Lindsay B.: "Histamine". American Society for Neurochemistry, 1999.
http://www.ncbi.nlm.nih.gov/bookshelf/br.fcgi?book=bnchm&part=A1015#A1050
(Über die Rolle von Histamin im Nervensystem. Zusammenfassende Übersetzung hier)
Jarisch 2004Jarisch, Reinhart: "Histamin-Intoleranz, Histamin-Intoleranz und Seekrankheit", Thieme-Verlag, 2. Auflage, 2004. ISBN 3-13-105382-8
Maintz et al. 2006Maintz, Laura; Bieber, Thomas; Novak, Natalija: "Die verschiedenen Gesichter der Histaminintoleranz: Konsequenzen für die Praxis (Histamine Intolerance in Clinical Practice)", Deutsches Ärzteblatt 2006; 103(51-52).
www.aerzteblatt.de/V4/archiv/artikel.asp?id=53958, abgerufen am 25.08.2009.
Scinexx 2009"Glückshormon reguliert auch Zuckerstoffwechsel. Wirkmechanismus von Serotonin in der Bauchspeicheldrüse aufgeklärt.", Wissensmagazin www.scinexx.de, Springer Verlag.
www.scinexx.de/wissen-aktuell-10727-2009-10-29.html, abgerufen am 29.10.2009.

Siehe auch folgende Primärliteratur:

Paulmann, N. et al.: "Intracellular serotonin modulates insulin secretion from pancreatic ß-cells by protein serotonylation.", PLoS Biol., 7 (2009) e1000229. doi:10.1371/journal.pbio.1000229.

Walther, D.J. et al.: "Serotonylation of Small GTPases is a Signal Transduction Pathway that Triggers Platelet alpha-Granule Release", Cell, 115 (2003) 851-862.
Walther 2007Walther, D.J.: "Protein-Monoaminylierung: Neu erkannte Funktionen monoaminerger Hormone", Jahrbuch 2007, Max-Planck-Institut für molekulare Genetik.
www.mpg.de/463476/forschungsSchwerpunkt1
Wikipedia: HistaminWikipedia-Artikel: Histamin. de.wikipedia.org/wiki/Histamin, abgerufen am 25.08.2009



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